|
s 80 Jahre währenden Dornröschenschlafes Rund 80 Jahre nach den Forschungsarbeiten des Otto Heinrich Warburg, der 1931 den Nobelpreis für Medizin erhielt, tauchen weltweit neue Forschungen und Forscherpersönlichkeiten zum Thema Energiestoffwechsel von Krebszellen auf. Mit den Mitteln der molekularen Biologie konnte bei Darmkrebskranken und Blasenkrebs- Patienten gezeigt werden (1), wie und warum der etwas andere Stoffwechsel von Krebszellen abläuft.Nobelpreisträger Otto Heinrich Warburg seine Theorie zur Entstehung von Krebs erlebt derzeit an einigen Forschungszentren in Deutschland und weltweit eine Wiedergeburt. Der berühmte jüdische Physiologe arbeitete am Kaiser-Wilhelm- Institut in Berlin- Dahlem und starb 1970 mit 86 Jahren. Bis zu seinem Tod hatte der Forscher an seiner Überzeugung festgehalten, dass Krebs eine Stoffwechselentgleisung ist. Demnach haben Krebszellen ein Sauerstoffproblem: sie unterscheiden sich von normalen Zellen unter anderem dadurch, dass sie – entwicklungsgeschichtlich bedingt - eine schwächere Zellatmung haben.
Er stellte fest, dass die aggressivsten unter den Krebszellen für ihre Energiegewinnung nicht das dafür zuständige „Atomkraftwerk“ der Zelle – in den Mitochondrien - mit Hilfe von Sauerstoff durchführen, sondern ohne Sauerstoff mit Hilfe der aeroben Glykolyse (= Glukoseabbau, ohne Sauerstoff zu nutzen) ihre Energie produzieren. Sie bauen Glukose (Traubenzucker) nicht mit Sauerstoff ab, sondern sie stellen ihren Energiestoffwechsel auf Glukose-Vergärung um.
Während gesunde Zellen von der Verbrennung von Zucker-, Eiweiß- und Fettabbauprodukten leben, vergären Krebszellen Zucker (Glukose). Dies geschieht unabhängig von Sauerstoff in der Zelle. Das Abbauprodukt ist Milchsäure (Laktat).
Das Enzym TKTL1 (Transketolase-like-1-enzym) ist das Enzym, das für die Vergärung von Glukose zur Energieversorgung der Tumorzelle verantwortlich ist. Durch die Aktivierung dieses TKTL1-Enzyms werden Krebszellen in die Lage versetzt, auch dann Energie aus Glukose zu gewinnen, wenn nicht genügend Sauerstoff für eine Verbrennung der Glukose vorhanden ist.
Steht der Zelle genügend Glukose von innen und außen zur Verfügung, ermöglicht ihr das Enzym TKTL1, ausreichend Energie zu gewinnen und sich über Zellteilungen ständig zu vermehren. Dabei werden große Mengen an Milchsäure gebildet. Die Entdeckung dieses Gens ist dem Wissenschaftler Dr. Johannes F. Coy aus Habitzheim zu verdanken. Er hat herausgefunden, dass aggressive, Metastasen bildende Krebsformen, ihre Energie nicht aus der Verbrennung von Zucker zu Kohlendioxyd und Wasser gewinnen, sondern vielmehr aus der Vergärung von Zucker zu Milchsäure. Und er und seine Mitarbeiter entdeckten noch mehr: Während sich die verbrennenden Zellen mit den klassischen Therapieverfahren wie Chemo- und Strahlentherapie bekämpfen lassen, haben diese Maßnahmen bei TKTL1-positiven Zellen nicht den gewünschten Effekt; im Gegenteil – die cleversten Krebszellen überleben und sinnen nach Rache in Form von Fernmetastasen im Körper des Krebswirtes.
Den Krebs an seiner Achillesferse packen Ähnlich dachten übrigens auch der Erfinder der Sauerstofftherapie Manfred von Ardenne oder die Diplom-Chemikerin Johanna Budwig mit ihrer Erfindung einer Öl-Eiweiß-Diät. Doch Dr. Johannes Coy geht weiter: Er plant, ein Medikament zu entwickeln, und damit den Zellstoffwechsel medikamentös zu beeinflussen. Mit der Entwicklung wurde bereits seit einiger Zeit begonnen. Bis dahin soll eine von Coy und Mitarbeitern zusammengestellte gezielte TKTL1-Ernährungstherapie den Vergärungsstoffwechsel von Krebszellen so zu beeinflussen versuchen, dass diese die Schwachstellen von vergärenden Tumorzellen ausnutzt. Diese benötigen zur Energiegewinnung im Vergleich zu gesunden Körperzellen wesentlich mehr Glukose und sind nicht mehr in der Lage, Fette und Öle zu verbrennen. Das Prinzip der Coy´schen Ernährungsbehandlung besteht daher im Wesentlichen darin, auf den Verzehr von Zuckern und Kohlenhydraten zu verzichten und sich statt dessen von Fisch, Fleisch und Gemüse zu ernähren. Da dies in der Praxis nicht immer leicht zu verwirklichen ist, wurden spezielle Produkte zusammengestellt, die die Umsetzung einer solchen Ernährungsweise erleichtern. Doch Vorsicht: das funktioniert nur, wenn eine Krebszelle mit diesem Enzym arbeitet. Deshalb müssen Tumorzellen (nämlich das in Paraffin eingebettete, bei der Operation entfernte Krebsgewebe) vom Pathologen vor Beginn einer solchen – meist auf drei Monate begrenzten Ernährungsumstellung - auf das Vorhandensein dieser Achillesferse namens TKTL1 untersucht werden.
Es gibt süße und weniger süße Krebse Ist ein Tumor stark TKTL1-positiv (ähnlich wie beim bereits bekannten Brustkrebszell-Merkmal HER2), können Krebspatienten versuchen, durch den Entzug von Kohlehydraten und Zucker in der Nahrung sowie durch einen ruhigen Lebenswandel (denn auch Stress ruft den „inneren Zucker“ auf den Plan) den gesamten Stoffwechsel ihres Körpers umzustellen. Durch die fehlende Glukose wird kein Insulin mehr freigesetzt, und somit auch nicht mehr in die Körperzellen transportiert. Die dadurch fehlende Energieproduktion können gesunde Zellen ersetzen, indem sie auf die Verwertung von Ketonkörpern (Stoffwechselprodukte, die beim verstärkten Fettabbau entstehen) umschalten. Zu dieser Umstellung sind die, in der Steinzeit der Zellen stehen gebliebenen TKTL1-positiven Zellen nicht in der Lage, da ihre sogenannte Beta-Oxidation, sprich die Fettverbrennung, blockiert ist. Die erfreuliche Folge: Solchermaßen gestrickte Krebszellen können keine Energie aus Ketonkörpern, Fetten oder Ölen gewinnen und hungern – arrivederci - aus. Denn ohne die Freisetzung von Insulin sind TKTL1-positive Zellen von der gesamten Energieversorgung abgeschnitten.
Die richtige Ernährung zur Chemo? Mit diesen Überlegungen verbindet sich die Hoffnung, dass die Wirkung von Chemotherapien durch eine begleitende TKTL1- Ernährungstherapie deutlich ergänzt und vielleicht sogar verbessert wird. Die TKTL1-Ernährungstherapie könnte somit eine Chemo- und Strahlentherapie ergänzend begleiten. Leider gibt es Hinweise darauf, dass TKTL1-positive Zellen unempfindlich gegenüber vielen Chemotherapeutika sind. Ähnlich verhält es sich bei der Strahlentherapie. Nicht zuletzt dank der Forschungen des Mainzer Physiologen Professor Vaupel weiß man, dass Krebszellen in sauerstoffunterversorgten (hypoxischen) Geweben widerspenstiger gegenüber einer Strahlentherapie sind. Eine Ernährungsumstellung könnte auch hier die Wirksamkeit der Therapie unterstützen und damit die Aussicht auf Heilung verbessern.
TKTL1-positive und TKTL1-negative Zellen
Bisher bestätigen die im British Journal of Cancer veröffentlichten Studienergebnisse von Johannes Coy die Bedeutung des TKTL1- Stoffwechsels nur für den Verlauf einer Tumorerkrankung bei Patienten mit Darm- und Blasenkrebs. Betroffene mit Tumoren des Urogenitaltrakts wiesen in einem Beobachtungszeitraum von fünf Jahren Überlebenschancen mit über 80 Prozent auf, wenn das Enzym nicht nachweisbar war. Hingegen sanken die Überlebensraten bei TKTL1-positiven Tumoren auf bis zu unter 20 Prozent. Diese Ergebnisse verdeutlichen, warum man – wenn dies in weiteren Studien bestätigt werden wird - künftig eine ganz neue Differenzierung von Krebszellen wird vornehmen müssen: Krebszellen, die Glukose verbrennen und Krebszellen, die Glukose vergären. Die von Dr. Johannes Coy entwickelte TKTL1-Ernährungstherapie gibt Krebspatienten und Krebspatientinnen eine konkrete Möglichkeit, durch eine „TKTL1-unfreundliche“ Ernährung und mit einer entsprechenden Stoffwechselbeeinflussung durch Sport einen Teil der Therapie selbst in die Hand zu nehmen und so Krebszellen das Leben und Überleben mit geeigneter Kost zu erschweren.
Kann Ernährung ein Krebsmedikament ersetzen? Johannes Coy, der Entdecker des TKTL1-Gens und Enzyms, warnt vor übersteigerten Hoffnungen in seine eigene Entdeckung. „Wir stehen erst am Anfang eines Paradigmenwechsels in der Krebstherapie“, vermutet er, „und sehen bisher nur eine Facette eines großen geheimnisvollen Ganzen, das die Visitenkarte des Krebsgeschehens ist“. Noch müssen vergleichende Studien seine Ergebnisse auf den Prüfstand stellen. Fest steht dennoch: der Ernährungsplan nach Coy scheint ein alltagstauglicher, sanfter und sicherer Eigenbeitrag für und von Krebspatienten zu sein.
Und so funktioniert das Ernährungskonzept nach Coy Ab einer Zufuhr von weniger als 70 Gramm Kohlehydrate täglich schlagen die meisten Zellen Alarm und stellen auf eine andere Energieversorgung um. Glukose ist dann nicht mehr die Hauptenergiequelle der Zellen. Um die noch gespeicherten Energiereserven in Form der sehr energiereichen Fettreserven nutzen zu können, greifen die meisten Zellen in ihrer „Not“ auf die Verwertung von sogenannten, beim Fettabbau in der Leber gebildeten Produkte, auf die sogenannten Ketonkörper zurück. Ketonkörper (wie etwa das bekannte Nagellack-Azeton) sind chemische Verbindungen, wie sie beispielsweise bei Hunger oder bestimmten Diäten als eine Art „Schlummermodus“ des Stoffwechsels der Zelle gebildet werden. Bei übertriebenen Fastenkuren kann dieser „Hungerstoffwechsel“ der Zelle sogar zu einer – im Urin überprüfbaren – gefährlichen Ketose führen. Normalerweise aber lassen sich Zellen durch den nicht mehr vorhandenen Energielieferanten Zucker und den Ersatz guter Fette nicht im Geringsten aus dem Überlebenskonzept bringen. Zur Verwertung der Ketonkörper müssen sich Gehirn und Muskeln zwar zunächst umstellen, indem sie behelfsweise bestimmte Enzyme ausschütten; doch das Notaggregat im Kraftwerk der Zellen ist auf diese Weise auch in der „Hungersnot“ auf Leben programmiert und sorgt so dafür, dass Ketonkörper auch in „bitteren“ Zeiten ohne Zucker ausreichend mit Energie versorgt sind. Dadurch kann das menschliche Hirn - nach einem internen „Re-Set“ des Organismus - statt mit 120 Gramm Glukose pro Tag nur mit 40 Gramm Glukose (meist in Form von Kohlehydraten von außen oder - bei Stress - von hauseigenen Adrenalin-Lieferanten zur Verfügung gestellt) auskommen und auch noch überflüssige Pfunde verlieren. Ketonkörper sind bei dieser neuen Stoffwechsellage der Zelle einfach die neuen Energielieferanten des Organismus. Mit Hilfe dieser Umstellung können die Zellen von den Abbauprodukten, die bei dem Fettabbau gebildet werden, leben. Der Hauptenergielieferant ist dann nicht mehr die Glukose, sondern die Ketonkörper. Die rar gewordene Glukose wird wie ein goldener Schatz gehütet und nur noch für besondere Zwecke verwendet.
s.a.: www.tavarlin.de
(1) erstmals S Langbein, M Zerilli, A zur Hausen,W Staiger, K Rensch-Boschert, N Lukan, J Popa, MP Ternullo, A Steidler, C Weiss, R Grobholz, F Willeke, P Alken, G Stassi, P Schubert and JF Coy: Expression of transketolase TKTL1 predicts colon and urothelial cancer patient survival:Warburg effect reinterpreted, British Journal of Cancer, 2006, 94, 578-585)
|