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Das Jahr 1796 wird als das Geburtsjahr der Homöopathie angesehen. In diesem Jahr veröffentlichte der Arzt und Apotheker Samuel Heinemann nach vielen Jahren intensiver Forschung seine grundlegenden Gedanken über eine neue Heilmethode, die er Homöopathie (homoion pathos = ähnliches Leiden) nannte. Das Grundprinzip dieser neuen Methode war die Behandlung von Krankheiten nach dem Ähnlichkeits- Prinzip: Similia Similibus Curentur (Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt). Dies bedeutet, dass die Krankheiten mit dem Mittel geheilt werden können, das beim Gesunden die Beschwerden, unter denen der Kranke leidet, hervorruft(1).
Wer war Hahnemann? Hahnemann schreibt an Hufeland, den Leibarzt Friedrichs und der Königin Louise von Preussen folgendes: “Ich bin seit 18 Jahren von dem gewöhnlichen Weg der Heilkunde abgegangen... Ich machte mir eine befindliches Gewissen daraus, unbekannte Krankheitszustände bei meinen leidenden Brüdern mit diesen unbekannten Arzneien zu behandeln, die als kräftige Substanzen, wenn sie nicht genau passen (wie konnten sie der Arzt anpassen, da ihre eigentlichen speziellen Wirkungen noch nicht eruiert waren) leicht das Leben in den Tod verwandeln oder neue Beschwerden und chronische Übel herbeiführen können, welche oft schwerer als die ursprüngliche Krankheit zu entfernen sind. Auf diese Art ein Mörder oder Verschlimmerer des Lebens meiner Menschenbrüder zu werden, war ein fürchterlicher Gedanke, so fürchterlich und ruhestörend für mich, dass ich in den ersten Jahren meines Ehestandes meine Praxis ganz aufgab und fast keinen Menschen ärztlich behandelte, um ihm nicht noch mehr zu schaden und bloß- wie Sie wissen- mich mit Chemie und Schriftstellerei beschäftigte.”
“Du musst, dachte ich die Arzneien beobachten, wie sie auf den menschlichen Körper einwirken, wenn er sich auf dem ruhigen Wasserspiegel seiner Gesundheit befindet... Ich dachte ferner: " Wie sollten wohl die Arzneien das, was sie in den Krankheiten ausrichten, anderes als mittels dieser gesunde Körper umstimmenden Kraft ausrichten, die gewiss bei jeden Mineral eine andere ist, und daher eine Reihe von Phänomenen, Zufällen und Empfindungen darbietet! Sie können nicht anderes als auf diese Weise heilen.” Wirken aber Arznei- Substanzen, was sie in Krankheiten ausrichten, bloß mit der gesunde Körper verändernden Kraft, so müsste doch wohl diejenige Arznei, in deren Symptomen- Zahl die in einem gegebenen Krankheitsfall charakterisierten Zufälle am vollständigsten enthalten sind, diese Krankheit am bestimmtesten heilen;......So müssten sie, mit einem Worte, bloß ähnlich Krankheiten heilen können als selbst hervorbringen im gesunden Menschen... "
Die Homöopathie basiert auf drei Grundregeln: 1. Die Arzneimittelprüfung am Gesunden 2. Erhebung des individuellen Krankheitsbildes 3. Arzneimittelwahl nach dem Ähnlichkeits- Prinzip
Zu 1.: Die Arzneimittelprüfungen am Gesunden bildet die Grundlage des Wissens über die homöopathische Anwendung von Arzneistoffen. Sie geht auf Hahnemanns Selbstversuch mit der Chinarinde im Jahr 1790 zurück. " Ich nahm des Versuchs halber etliche Tage zweimal täglich jedes Mal 4 Quäntchen gute China ein; die Füße, die Fingerspitzen usw. wurden mir erst kalt, ich ward matt und schläfrig, dann fing das Herz an zu klopfen, mein Puls war hart und geschwind; Ängstlichkeit, Zittern (aber ohne Schauder), eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder; dann Klopfen im Kopf, Röte der Wangen, Durst, kurz alle mir sonst beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptome erschienen nach einander; doch ohne eigentlichen Fieberschauder. Auch die mir bei Wechselfieber gewöhnlichen besonders charakteristischen Symptomen, die Stumfheit der Sinne, die Art von Steifigkeit in allen Gelenken, besonders aber die taube widrige Empfindung, welche in der Knochenhaut über allen Knochen des Körpers ihren Sitz zu haben scheint, alle erschienen. Diese Beschwerden dauerten 2- 3 Stunden jedes Mal, und erneuerten sich, wenn ich die Gabe wiederholte, sonst nicht. Ich hörte auf und ich ward wieder gesund. " Hahnemann hat er vermutet und erwartet, dass die Chinarinde ebenso wie Arsenik, der Ignatzbohne und Arnika, die sich bei Wechselfieber bewährt haben, eine Art von Fieber erregen wird. Nun wusste er es. Der kritische Forscher begnügte sich nicht mit einer einmaligen Feststellung, er wiederholte den Versuch noch mindestens 6 Mal - etliche Tage zweimal täglich, so wie er auch seine chemischen Versuche wiederholte, um die Ergebnisse zu reproduzieren. Das unerwartete und überraschende seines Versuchs war nicht das Fieber an sich, es war vielmehr die bis ins Einzelne gehende Ähnlichkeit, Übereinstimmung der Symptome seines China- Fiebers mit den Symptomen des Wechselfiebers(2).
Zu 2.: Die Erhebung des individuellen Krankheitsbildes beinhaltet die detailliertere Anamnese (Vorgeschichte) unter Berücksichtigung aller körperlichen und seelischen Beschwerden des Patienten. Während es bei der normalerweise vom Arzt erhobenen Anamnese um für die Krankheit typische Beschwerden und Befunde geht, sind bei einer homöopatischen Anamnese die individuellen, ungewöhnlichen und auffallenden Beschwerden des Patienten von besonderem Interesse. Hahnemann fordert für seine Heilkunde ausdrücklich eine eingehende Krankheits- Erkenntnis, also eine Diagnostik. Er gehört zu den ersten Ärzten, die sich des Stethoskops bedienen, nachdem dies 1819 von Laennec eingeführt worden war. Er bezweifelte jedoch, dass wir zu einer ursächlichen Krankheitserkenntnis gelangen können, und lehnte eine nosologisch orientierte Therapie (z. B.: Infektion durch Bakterien = Antibiotikatherapie) ab. „Denn die meisten… Krankheiten seien dynamischen (geistigen) Ursprungs, also nicht sinnlich zu erkennen…es sei ein dunkles Phantasiebild aus sichtbaren Veränderungen innerer Teile verstorbener Menschen…auf Funktionen im gesunden Leben und die unendlichen Abweichungen derselben in unzähligen Krankheitszuständen Schlüsse…zu ziehen.….. Hahnemann begnügt sich für seine Ähnlichkeits- Therapie mit der Erkenntnis dessen, " was uns der Schöpfer von den Krankheiten vor Augen gelegt " hat, nämlich die Phänomene der Krankheit. Auch wenn am Krankenbett das " innere Wesen der Krankheit unseren Sinnen völlig unerreichbar, von Sterblichen nie zu ergrübeln " ist, so wird Heilen dadurch nicht unmöglich. Die Kenntnis der Ursache ist unnötig zum Heilen, denn " der große Weltgeist, das konsequenteste aller Wesen, machte nur das sichtbar, was nötig war. " (Heilkunde der Erfahrung, 1805) (3).
Zu 3.: Anhand der erhobenen Symptome wird das ähnlichste Arzneimittel herausgesucht, also das, dessen Arzneimittelbild die meisten Übereinstimmungen mit dem Symptomenbild des Pat. aufweist (das "Simile"). Hahnemann begann seine Forschungen mit konzentriertem Substanzen, versuchte aber später, durch stufenweises Verdünnen die Toxizität seiner Heilmittel zu mindern. Er erkannte dabei, dass durch einen speziellen Verdünnungsprozess die Arzneimittel ihre Wirksamkeit nicht verlieren, sondern im Gegenteil eine Wirkungssteigerungen erfahren. Dieses erstaunte ihn zunächst selbst und er bezeichnete das Verfahren der stufenweisen Verdünnung und Verschüttelung mit einem Alkoholwassergemisch oder der Vertreibung mit Milchzucker mit "Potenzierung." Hahnemann verwendete ca. 60 homöopathische Arzneimittel. Heutzutage sind einige 1000 im Handel erhältlich. In niedrigen Verdünnungen entsprechend die Arzneimittelkonzentrationen auch den in der klassischen Medizin üblichen Menge in (mg bis Mikrogramm). Bei den Hochpotenzen (>D23) ist die Wirkungsweise heutzutage wissenschaftlich noch nicht geklärt. Potenzen: Es werden heutzutage D- Potenzen (1 :10), C- Potenzen (1:100) und LM Potenzen (1 : 50.000) verwendet. Die Wahl der Potenzen ist im Vergleich zur richtigen Arzneimittelwahl zweitrangig. Im Allgemeinen werden bei organischen Erkrankungen (z.B. Verletzungen, akuten Entzündungen) eher tiefe Potenzen eingesetzt, bei psychischen Symptomen eher höhere Potenzen. Homöopathische Arzneimittel sind als alkoholische Lösung, Tabletten, Kügelchen, Ampullen, Salben und Augen- bzw. Nasen- Trpf. im Handel (1).
Ein wichtiger Teil der homöopatischen Behandlung ist die sorgfältige Nachbeobachtung des Patienten und das Abwarten der Arzneimittel Reaktion. Die Reaktion auf die Arzneigabe gibt dem Therapeuten wichtig Hinweise für das weitere Vorgehen. Gelegentlich kann es anfangs zu einer Verstärkung der Beschwerden kommen (wird als homöopathische Erstverschlimmerung bezeichnet). Diese Erstverschlimmerung ist als günstiges Zeichen zu werten. Treten jedoch neue bisher nicht vorhandene Beschwerden auf, ist das Mittel falsch gewählt.
Schon zu Lebzeiten Hahnemanns, aber besonders nach seinem Tod 1843 in Paris, hat sich die Homöopathie gerade in schwierigen medizinischen Krisenzeiten wie bei Epidemien bewährt. Viele Länder unterstützen heutzutage den Aufbau homöopathischer Universitäten (z. B.: Indien, Pakistan verschiedener Länder in Südamerika und auch die meisten europäischen Länder).
Es gibt nach wie vor nicht viele wissenschaftliche Daten. Die vorhandene Daten können jedoch Richtlinien für die Erforschung der Wirkungsweise liefern (Bernard Poitevin , Lyon, Frankreich, Scientific Basis of Homoeopathie; Homöopathy in Fokus, Congress 1989 in Essen, VGM 1990 Essen) U.a. Veröffentlicht 2004 (4): Einfluss von homöopathisch aufbereitetem Coenzym Q10 auf die Prolieferration und Redifferenzierung von Endothelzellen. (Q 10 hat eine wichtige Funktion bei der Regulation des Zellmetabolismus und der Zellproliferation. Eine kontrollierte Zellproliferation ist Grundvoraussetzung für die Regenerationsfähigkeit von Geweben. Fragestellung: es war zu klären ob homöopathisch aufbereitetes Co-Q10 einen Einfluss auf die Proliferation von frisch ausgesiedelten Endothzellen, auf die Teilungsrate sowie auf Redifferenzierungs- Prozesse in vitro hat. Ergebnisse: oberhalb der Potenz von D 5 erwies sich Co- Q10 als untoxisch gegenüber den Zellen. Im Proliferazions- Assay bewirkten die Potenzierungen von Co- Q10 in D7- D10 eine deutliche Steigerung der Proliferationsrate bei wachsenden Endothelzellen. Dagegen hatte das Placebo keinen Einfluss auf die Teilungsrate. Schlussfolgerungen: Homöopathisch aufbereitetes Co- Q10 hat einen stimulieren den Einfluss auf die Proliferation wachsender Zellen. Die Stimulation erstreckt sich nicht auf den Differenzierungsprozess. Die niedrige Teilungsaktivität differenzierter Endothelzellen wird durch Co- Q10 nicht beeinflusst.
Seit 1993 ist die Homöopathie in deutschen Universitäten Prüfungsfach für Ärzte. Dennoch ist die Homöopathie immer noch umstritten. Der klinisch orientierter Arzt muss sich darauf einlassen, seine fachbezogene Beurteilung des Patienten aufzugeben und sich im homöopatischen Therapiekonzept von den umfassenden Befindlichkeits- Veränderungen des Pat. als therapeutische Leitlinie führen zu lassen. Dieses Umdenken ist für viele schulmedizinische Kollegen schwer und es ist leichter das Therapieverfahren der Homöopathie generell zu verwerfen als sich ihm zu stellen.
Die Mischung der Homöopathie mit Paramedizin, Astrologie und anderen Methoden. Als Sohn seiner Zeit (Rationalismus, franz. Revolution) lehnte Hahnemann nahezu alles ab, was heute unter dem Oberbegriff Okkultismus zusammengefasst wird, wie Paracelsus mit seiner Signaturen- Lehre und der Makrokosmos -Mikrokosmos- Idee. Die Astrologie wurde von Hahnemann als spekulativ abgelehnt (5).Dass homöopatische Mittel Energie enthalten stammt ebenfalls nicht von Hahnemann.
Antroposophische Medizin: Die Publikationen Rudolf Steiners waren lange Zeit der Öffentlichkeit nicht zugänglich, weshalb diese Richtung als okkult und esoterisch galt. Rudolf Steiner verlangt von jedem, der sich mit der Anthroposophie beschäftigen will, einen Meditiations- Schulungsweg. Ähnliches wird für den analytischen Psychotherapeuten in Form der Lehranalyse vorgeschrieben.
Nach Rudolf Steiner sollen sich durch diese Übungen Hellseher- Organe entwickeln lassen (z. B.: das Sehen des Astralleibs). Steiner hat von Hahnemann lediglich die Idee der potenziertes Arznei übernommen. Das zentrale Anliegen der Homöopathie, den Similesatz: "schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle mit einer Arznei, welche ein ähnliches Leid für sich erregen kann, dass sie heilen soll!" ist für die anthroposophische Medizin fast bedeutungslos. Näher liegt ihr das magische Simile des Paracelsus, welches Steiner zu einem anthroposophischen Simile verändert hat.
Anlässlich der vor einigen Jahren im Bundestag verabschiedeten neuen Arzneimittelgesetzes haben sich anthroposophische und homöopathische Ärzte zum Schutz ihrer Arzneien zusammengeschlossen.
(1)Homöopathisches Repertitorium, Ausgabe 2004, DHU Karlsruhe; (2) Bayr G.: Hahnemanns Selbstversuch mit der China- Rinde im Jahr 1790, Haug Verlag 1989; (3)Hahnemann S.: Organon der rationellen Heilkunde 1810, Nachdruck Organon Verlag GmbH Starnberg 1981; (4)(B.Glatthaar- Saarmüller et al, Forsch Komplementärmed. Klass Naturheilkd 2004; 11:267-273); (5) (Schmeer E.H.: Homöopathie- Psychosomatik- Paramedizin, Grenzgebiet im Reiche des Simile, Verlag Grundlagen und Praxis, Leer1982).
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