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Die Schule des Hippokrates wies bereits darauf hin, daß ein kurzer kalter Wasserreiz im Meer mit nachfolgender Bewegung durch Laufen eine bessere und anhaltendere Erwärmung zur Folge haben als eine ausschließliche Wärmeanwendung durch heiße Packungen.
In der Neuzeit war es das Verdienst des Mitbegründers der Berliner Universität und Goethes Leibarzt Chr. W. Hufelandauf „die großen Ärzte Bewegung, Luft und Wasser“ hingewiesen zu haben. Sein 1769 erschienenes Werk über gesunde Lebensführung mit dem Titel:„Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“, wurde in viele Sprachen, sogar ins Chinesische übertragen. Heute entstehen Behandlungszentren für Chinesische Medizin in Deutschland und es werden Werke der traditionellen Chinesischen Medizin ins Deutsche übertragen. Sicher hat sich auch der Theologiestudent Sebastian Kneipp während seiner eigenen schweren Erkrankung mit diesem Werk und den 100 Jahre früher erschienenen Schriften der beiden Schweidnitzer Ärzte Hahn beschäftigt. Pfarrer Kneipp beschränkte sich in seiner Krankenbehandlung nicht mehr wie bei seiner eigenen Tuberkulose - Erkrankung auf die überaus heroischen Anweisungen der „Schweidnitzer Wasser- Hähne“ sondern er predigte seinen Kranken, wie auch Hufeland, die Mäßigkeit im Essen und anderen Dingen der Lebensführung als Grundprinzip einer gesunden Lebensweise. Auch die regelmäßige „körperliche Ausarbeitung“ durch Holzhacken, Wandern u.a. gehört in Kneipps Programm z. B. in seinen Büchern: „Meine Wasserkur“ zur Therapie, und „So sollt Ihr leben“ zur Prävention (1889). Worin unterschieden sich Kneipps Empfehlungen für eine gesunde Lebensweise von den Ratschlägen seiner Vorgänger? Kneipp war etwa ab 1880, fast zwei Generationen nach Hufeland und Prießnitz tätig. Das Industriezeitalter hatte um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen. Immer weniger Menschen arbeiteten körperlich schwer und im Freien. Der Lebensunterhalt wurde vermehrt in Fabrik oder Schreibstube verdient, dafür unter steigendem Zeitdruck und Fremdrhytmus. Durch den Aufenthalt in gleichmäßig warmen Räumen wurden die Menschen körperlich empfindlicher. Kneipp folgerte schon damals, „daß die Störungen im Kreislauf daher kämen, weil die Menschen verweichlicht sind “. Ihre „angeborene Naturkraft“ ist durch die „mangelnde Abhärtung“, wie sie das moderne Leben mit sich bringt, „geschwächt worden“. Abhärtung war für Kneipp allemal das Wichtigste.
Ziele der Kneippkur: Für die Aufrechterhaltung einer ausreichenden Körpertemperatur bis in Fuß- und Zehenspitzen ist für die Aufrechterhaltung der Selbstregulation des Körpers (Homöostase) erforderlich. Eine Körperkern- Temperatur von 37°C ist unerläßlich für einen optimalen enzymatischen Stoffwechselablauf. Der Körper verwendet hierfür verschiedene Regel- und Steuerungssysteme. In der Technik kennen wir dies in der Automation und Reglertechnik. Mit Hilfe der körpereigenen „Reglertechnik“ die Energieregeneration und das vegetativ - hormonale Adaptationssystem - oder nach Kneipp die Naturkraft - zu stärken, ist das Hauptziel der Kneippkur. Dieses Ziel wird mit Hilfe des Klimas, d. h. der Luft, des Lichtes, der Wärme, Kälte und des Wassers auf unser vegetatives Sinnesorgan, die Haut erreicht.
Dies entspricht den fünf Säulen der Kneipptherapie: 1. Thermotraining mit Hilfe des Wassers, das zehnmal besser Temperaturreizeübertragen kann als die Luft. Heutzutage werden aufgrund fehlender Abhärtung vorwiegend wechselwarme Teilanwendungen an einzelnen Körperabschnitten als sogenannte „kleine Hydrotherapie“ verwandt. 2. Bewegungstherapie mit Entspannungstraining durch Wandern auf Terrainkurwegen, Gymnastik, Sport, Schwimmen und Atemgymnastik. 3. Leichte Vollwertkost mit Balaststoffen, Elektrolyten, Spurenelementen und Vitaminen, wobei ein zuviel an Fetten, Eiweiß, Weißmehl und Zuckerstoffen gemieden wird. 4. Phytotherapie mit Schwerpunkt auf erprobten und anerkannten Pflanzenheilmitteln der milden Kategorie um den Medikamenten- und Drogenmißbrauch einzudämmen (Hänsel, Weiß) 5. Ordnungstherapie und "Psychohygiene" im Alltag, die den Menschen körperlich und seelisch zu einer natürlichen Lebensordnung führt und in der dem Eigenrhythmus entsprechend Anspannung und Entspannung, Bewegung und Ruhe sowie religiöse Bindung betont werden.
Kneipps Verdienst ist es, eine fein differenzierte Technik für Hufelands allgemeine Regeln über Abhärtung und die Nützlichkeit des kalten Wassers in der Praxis entwickelt zu haben. Kneipp hat uns ein Kursystem für Bäder, Güsse und Wickel hinterlassen und gezielte Ratschläge für eine gesunde und naturnahe Lebensweise.
Wirkungen der Wassertherapie: Welche Wirkungen der Hydrotherapie sind heute erwiesen? Der thermische Reiz, insbesondere in seinem kalten Anteil, löst im Organismus Reaktionen aus, z. B. die reaktive Mehrdurchblutung (Hyperämie) am Ort der Einwirkung. Darüber hinaus werden konsensuelle Fernreaktionen und in abgeschwächter Form Reaktionen im ganzen Körper bis in die Schleimhäute der oberen Luft- und Atemwege und des Bauchraums ausgelöst. Damit werden die zur Erhaltung der Homöostase dienenden Regulationseinrichtungen trainiert und Blutverschiebungen zwischen Körperkern und Körperschale bewirkt, wie sie in diesem Umfang durch Medikamente kaum erreichbar sind. Das therapeutische Prinzip der physikalischen Therapie von Reiz und Reaktion unterscheidet sich von der Arzneitherapie, die gezielt auf einzelne Organsysteme wirken will, und etwaige Gegenreaktionen des Organismus im allgemeinen nicht wünscht (Wirkprinzipien; Hildebrandt 87). Die Reaktionen auf physikalische Reize wie das warme oder kalte Wasser unterliegen den Gesetzmäßigkeiten der Körperrhythmik und verlaufen nach den Prinzipien eines Kompensations- und Einschwingungs- Vorganges. Dadurch wird lokal und allgemein der Stoffwechsel sowie der vegetativ- hormonale Tonus verändert und Trainingseffekte an verschiedenen Organsystemen erzielt. Die wiederholte Anwendung bestimmter Reize (Stressoren) führt zu physiologischen Kompensationsvorgängen (Adaptaten). (Adaptation - Deaptatation Hildebrandt 90).
In der Hydrotherapie nach Kneipp werden vorwiegend Temperaturreize und nur in geringem Umfang - wenigstens bei den Kaltanwendungen - mechanische Reize ( z.B.: Blitzguß) benutzt. Die Wirkung der Temperaturreize hängt davon ab, ob es sich um einen kontinuierlichen Einzelreiz, d. h. um stehendes Wasser als kaltes oder heißes Ganz- oder Teilbad handelt oder um fließendes Wasser (Guß). Die Reizstärke: Der „Mildeste wirksame Reiz ist der beste“ sagte Kneipp und schwächte im Laufe seiner Wörishofener Tätigkeit dreimal seine Anwendungen auf mildere Reize ab. Die Reizstärke in der Hydrotherapie ist abhängig von der Temperaturdifferenz zur Hauttemperatur, der Reizdauer, der Größe der gereizten Fläche, der Schnelligkeit des Temperaturanstiegs/ -abfalls (Anstiegssteilheit) des Reizes und der Reaktionsweise des Patienten (Disposition) Die Reizstärke ist abhängig von: der Temperaturdifferenz zur Hauttemperatur; der Reizdauer; der Größe der gereizten Fläche; der Schnelligkeit des Temperaturanstiegs/ -abfalls (Anstiegssteilheit) des Reizes; der Reaktionsweise des Patienten (Disposition) Die Reaktionsweise des Patienten wird durch einen Aufenthalt an einem Kurort günstig beeinflußt. Chronische Erkrankungen können deshalb an Kurorten unter dem Einfluß geänderter klimatischer Bedingungen und günstigerer Lebensverhältnisse meist besser behandelt werden, als dies zu Hause der Fall ist (Hildebrandt).
Die Bekömmlichkeit:Die Bekömmlichkeit ist ein gutes Maß für die richtig gewählte Reizstärke. Mit Hilfe des „Bekömmlichkeitsfrage- Tests“(Franke)haben Arzt, Bademeister und der Patient einen einfachen und sehr empfindlichen Maßstab, ob die verordnete Anwendung die Körperfunktionen günstig oder ungünstig beeinflussen. Man braucht den Patienten nur zu fragen, ob er sich auch 1 bis 3 Stunden nach der therapeutischen Maßnahme noch wohler als vorher gefühlt hat oder nicht.
Die moderne Kneippkur will die dem Menschen heute weitgehend vorenthaltenen physiologischen Reize wieder einsetzen und damit die Regulationseinrichtungen dauernd üben. Sie stellt ein modernes Gesundheitstraining dar. Kneipptherapie ist die gezielte Anwendung dieser Reize im Rahmen klassischer Naturheilverfahren.
Die Kur - Effizienz:Wenn Kuren durchgeführt werden interessiert die Kur - Effizienz, d.h. das objektive und subjektive Ergebnis nach 1 und 2 Jahren. Dies wurde für die Kneippkur in der „Bad Lauterberger VW Kneippstudie“ (Franke, Jungmann, Ohlsen) und von Walther im Berleburger L, R. Grote-Institut nachgewiesen. Die sinnvoll indizierte Therapie setzt Wissen und eine exakte Diagnostik voraus, die aber "nur der mit der Materie wirklich vertraute Arzt" (Rudolph) leisten kann. Das ist ein Ausbildungsproblem. Damit sind wir an der Frage des Verhältnisses oder gelegentlichen Mißverhältnisses von materiellem Aufwand zu dem, was bei der Behandlung als Therapieerfolg herauskommt, angelangt. Die angeschuldigte Ineffektivität mancher Kuren liegt aber nicht an der Physiotherapie (im weitesten Sinne) als Mittel zur Aktivierung und Unterstützung reparierender Kräfte. Sie liegt daran, daß diese nicht immer zielorientiert eingesetzt und ihre Wirkung, vielfach vereitelt wird.Dafür gibt es verschiedene Gründe: Eine durch verfehlte Reformen mangelhafte ärztliche Ausbildung, die den Arzt über die Einsatzmöglichkeiten der Physikalischen Therapie und der Naturheilverfahren nicht mehr oder nur unzureichend unterrichtet. In der Kieler Studie von Prof. Rudolf wurde dieser Informationsrückgang 1979 belegt. Individuelle und volkswirtschaftliche Nachteile solcher akademischer Unwissenheit können nicht ausbleiben. 2. Ein weiterer Grund des Versagens ist Einsichtslosigkeit, Mißbrauch, mangelnde Vorbereitung und fehlende Mitarbeit seitens des Patienten. Diese wiederum wird begünstigt durch den (medieninduzierten) systematischen Abbau an ärztlicher Autorität. Dadurch wird die ärztliche Führungsaufgabe erschwert oder unmöglich. 3. Die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen sind ungünstig. Eine effektive Zusammenarbeit zwischen Kurverwaltung, (Kur)klinikbetreibern und Leistungserbringern findet häufig nur unzureichend oder nicht statt. Klinikbetreiber „kaufen sich die therapeutischen Leistungen ein“. So ist häufig mehr dem Geschäft als der Gesundheit gedient.
Literatur:Baier H.: Physiologische Grundlagen der Hydrotherapie in Brüggemann W.: Kneipptherapie Springer Verlag Heidelberg New York 1980; Dirnagel K.et al.: Streßwirkung von therapeutischen Reizen während einer Kur. Z.Phys.Med.10(1981)267-75); Franke K.; Schuhmacher-Wandersleb O.: Kneipptherapie; Deutscher Bäderverband e.V. Bonn, Hans Meister KG Kassel 1986; Franke K.; Jungmann H.; Ohlsen J.; Bad Lauterberger VW- Kneippstudie 1972 ; in Franke K.; Schuhmacher-Wandersleb O.: Kneipptherapie; Deutscher Bäderverband e.V. Bonn, Hans Meister KG Kassel 1986; Gillert O.: Hydrotherapie und Balneotherapie in Theorie und Praxis. Pflaum Verlag München 1977; Heinzler R.: Hydrotherapie in der täglichen Praxis und Klinik, Heilkunst (1988),339- 343; Hildebrandt G.: Kuren sind anders; Heilbad und Kurort 9/10 (1987)264-272; Hildebrandt G.: Grundlagen der therapeutischen Bedeutung adaptativer Reaktionen in Drexel H.et al.: Physikalische Medizin; Hippokrates Verlag Stuttgart 1990; Hensel H.: Über die Steuerung der peripheren Durchblutung Arch. Phys.Ther.7(1955)60-74; Jungmann H.: Hydro- und Thermotherapie. Allgemeine Therapeutik 8 (1968);Kneipp S.: Meine Wasser Kur erschienen am 1. Oktober 1886; 85.Auflage Reprint Verlag K. Kölbl, 8022 Grünwald 1988; Kneipp S.: So sollt Ihr leben; Kösel´sche Buchhandlung Kempten 1897; Neuauflage München Ehrenwith Verlag 1976; Krauß H.: Hydrotherapie ; 5. Auflage G. Fischer Verlag Stuttgart New York 1990; Kunze H.,M.: Die einfache hämodynamische Regulationsdiagnostik. W.de Gryter Berlin 1959; Lampert H.: Physikalische Therapie. Steinkopf Verlag Dresden 1954; May W.: Hydrotherapie in May W.: Umstimmungstherapie ; Hippokrates Verlag Stuttgart1993; May W.: Hydro- und Thermotherapie in: Melchart D., Wagner H: Naturheilverfahren, Grundlagen einer autoregulativen Medizin, Schattauer Verlag Stuttgart 1993; May W.: Verordnung der Physiotherapie nach konstitutionellen Gesichtspunkten; Die Heilkunst 101(1988),381-390; May W. : Kneipptherapie bei degenerativen Gelenkserkrankungen; Freizeit im Ostallgäu Holdenried Druck- und Verlagshaus, Luitpoldstr.6 87629 Füssen April 1996; Müller- Limmroth W.: Neurophysiologische Grundlagen der Kneipp Therapie: In Brüggemann W.: Kneipp Therapie. 2. Auflage, Springer Berlin, New York 1986; Pirlet K.: Die Koordination von physikalischer und chemischer Wärmeregulation unter kalten Bedingungen. Z.f.Med.,Baln., Med.Klim.11(1982)91-120; Pirlet K.: Konstitutionelle Besonderheiten des Wärmehaushalts und ihre Bedeutung für die Klima- Thalasso-Therapie. Z.f.Phys.Med.1;2(1970)164-90; Rudolph G.: 100 Jahre wissenschaftliche Balneologie. Z.f.angew. Bäder- und Klimaheilk. 26,115-146 (1979); Rudolph G.: Zwei Beiträge zur Geschichte der Balneologie ; Schriftenreihe des dt. Bäderverbandes No 45; Verlag H.Meister KG Kassel 1982; Römmelt H.,Drexel H.,Dirnagel K.: Wirkstoffaufnahme aus pflanzlichen Badezusätzen. Die Heilkunst 91;5(1978)141-5; Schultze E.G.: Meeresheilkunde, Wissenschaftliche Reihe des deutschen Bäderverbandes e.V.; H. Meister KG Kassel 1986; Walter J.: Hydrotherapie; in Drexel H et al.: Physikalische Medizin; Hippokrates Verlag Stuttgart 1990; Walther J.: Kneippsche Hydrotherapie zu Hause H.&K. 140(1973); Weiss, R.F.: Phytobalneologie in Lehrbuch der Phytotherapie S.427-31 Hippokrates Verlag Stuttgart 1985; Zimmermann, W.: Hydrotherapie in Consilium Cedip Naturheilweisen ; Cedip GmbH 8000 München 46 Postfach 460246 (1983):196-7
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