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Wirkprinzipien Naturheilkundlicher und diätetischer Maßnahmen aus pathophysiologischer und therapeutischer Sicht
Die Definition von Naturheilkunde sollte sich nicht in der Aufzählung naturgemäßer Heilverfahren erschöpfen.Naturheilkunde ist die Kunde voll den Heilkräften der Natur. Was ist das? Heilt die Natur oder die natürlichen Maßnamen (Naturheilverfahren)? Was ist der Wirkmodus der physikalisch diätetischen und anderen naturheilkundlichen Maßnahmen, was die Kinetik des Strukturwandels enzymatischer und zellulärer Elemente?
Interpretationen dafür sind uns in der Vergangenheit zur Genüge angeboten worden. In allen Büchern steht: Physikalisch- therapeutische Maßnahmen verbessern die Durchblutung, steigern die spezifischen und unspezifischen Abwehrkräfte, stimulieren die Hvpohysenvorderlappen- und Nebennierenachse, wirken vagoton dämpfend und sympatikoton tonisierend und - wenn man beides braucht amphoton. Es ist von Übung, von Anpassung die Rede.
Das Zusammenwirken von Diätetik, physikalischer Therapie und Psychotherapie sowie auch anderen Naturheilverfahren bleibt unklar - Wirkzusammenhänge werden bestritten. Die Physikalische Medizin hat sich, dem Spezialisierungs- Trend der Klinischen Medizin folgend, methodisch definiert . Dies, obwohl es nicht an Bemühungen - auch von seiten der Physikalischen Medizin gefehlt hat das Kennzeichnende der Wirkprinzipien herauszustellen, denen wir mit unseren therapeutischen Maßnahmen dienen - Wirkprinzipien, die uns unterscheiden von einer vorwiegend manipulativen, Medikamentös- dirigistischen Therapie.
Beispiel Diätetik: Was sagt die Klinische Medizin zu den realen Möglichkeiten einer speziellen Diätetik? Im Gegenstandskatalog (für Medizinstudenten) haben ja Ernährungs- und Stoffwechsel Experten ihre Kenntnisse und Erfahrungen zu diesen therapeutischen Möglichkeiten festgelegt. Es überrascht, daß bei Magen- Darm- Krankheiten spezielle diätetische Maßnahmen nicht erfolgversprechend seien, desgleichen nicht bei Leber- Galle- und Pankreas- Erkrankungen. Bei Nierenerkrankungen werden die Eiweiße reduziert. Bei Diabetes die Kohlehydrate , bei Hyperlipidämie die Fette und Kohlehydrate, bei Übergewicht die Kalorien. Bei der Artheriosklerose, die sicher als ernährungsbedingt angesehen werden kann, gibt es keine konkreten Empfehlungen außer der einer knappen vollwertigen Kost. Also herrscht teils therapeutischer Nihilismus, teils Anpassung an die eingeschränkten Funktionen des Organismus - das Prinzip der Schonung (Pirlet 90). Was die verhaltensbedingten Ursachen betrifft, wissen wir alle, wie schwer es ist, schlechte Gewohnheiten abzulegen. Z.B. konnte auch durch eine Fülle von Diätbüchern in Millionenauflagen in den letzten Jahren letztendlich keine wesentliche Änderung des Ernährungs- Verhaltens bewirkt werden. Damit wird klar, daß die Hilfen an den tiefer liegenden, meist unterbewußten Triebstrukturen angreifen müssen. Dies bedeutet die systematische Umkodierung eines komplizierten Computerprogramms nämlich der lebensgeschichtlich erworbenen und automatisierten Verhaltensmuster. Dies ist nicht voll heute auf morgen zu erreichen , und hier wird auch die Rückfälligkeit in die eingefahrenen Gleise der alten Verhaltensweisen verständlich. Während die Psychotherapie diese Umstimmung auf dem Weg über den Verstand versucht, können wir z.B. mit Hilfe homöopathischer Arzneimittel direkt auf dieses Computerprogramm einwirken. Zumindest ist dies meine Überzeugung. Naturheilkunde ist Funktions- und Regulationstherapie (Pirlet 80). Für sie gelten die Prinzipien der Hygiogenese - die Physiologie um die Vorgänge und Grundlagen des Gesundwerdens (Hildebrandt 85). Für sie gilt der Grundsatz: Funktions- und Regulationssysteme - biologische Systeme überhaupt - erreichen nur dann ihre optimale Leistungsfähigkeit, wenn sie in physiologisch adäquater Weise - also ihrer Natur gemäß - beansprucht werden. Die bessere Funktionsqualität hat dann die Strukturqualität zur Folge. Die Funktion prägt die Struktur. Die Funktion wird durch komplexe neurohormonale Regelkreise gesteuert. Die Ursachen chronischer Krankheiten sind multifaktoriell. Komplex ineinandergreifende Regelkreise müssen bei der Therapie der Funktionen berücksichtigt werden. Es gilt aber auch: Die Strukturqualität prägt die Funktionsqualität. Das heißt: Die Funktionsqualität einer Leberzelle, einer Muskelzelle, einer Nervenzelle wird maßgeblich bestimmt voll den trophischen Bedingungen, unter denen die Zelle zu leben hat. Das ist eine Frage des Stoffwechsels - der Ernährung. Die Funktionsqualität ist somit abhängig vom Wechsel der Stoffe, die wir uns ständig mit der Nahrung einverleiben. Es ist unsere eigene Entscheidung, was wir essen, wieviel wir essen und wie wir essen - was wir unserem Verdauungssystem und dem intermediären Stoffwechsel aufbürden. Wir selbst entscheiden über die trophische Situation jeder Zelle, jeder Funktionseinheit in unserem Körper. Hinzugezählt werden müssen auch die Stoffe, die pathologischerweise durch die bakterielle Zersetzung der Nahrung im Darm entstehen: toxische Fäulnisprodukte, toxische Gärungsalkohole, Karzinogene. Von Bedeutung ist weiter, ob der Strom der ans dem Verdauungstrakt resorbierten Substanzen auf dem langen Weg des intermediären Umsatzes auf Engpässe stößt, ob Stoffwechsel- Metabolite in bradytrophe Gewebsräume einsintern und abgelagert werden, ob die verschiedenen Entgiftungssysteme -z.B. Leber, RHS- ihren Aufgaben nachkommen oder nicht. Weiter ist es wichtig, ob die verschiedenen Ausscheidungs- Organe: Niere, Darm, Haut, Atmung funktionieren. Inwieweit werden gerade sie durch andere therapeutische Maßnahmen unterstützt?
Schon der große Universitätslehrer Pfleiderer, sagte: erst drainieren, dann trainieren. Nach wie vor fehlen auf diesem Gebiet viele Grundlagen für Lehre und Forschung. Prof. Pirlet aus Frankfurt sagte hierzu auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für physikalische Medizin 1982: „..Mein Standpunkt ist: Grundlagenforschung hat eine dienende Funktion, sie soll dein Arzt, dem Therapeuten, ein Fundament geben, auf dem er stehen kann. Sie soll dem Arzt begreifen lehren, was sich unter seinen Händen tut, und soll ihm durch Einblicknahme in die pathophysiologischen Zusammenhänge und therapeutischen Wirkvorgänge helfen, zielsicher und erfolgreicher zu arbeiten. Ob wissenschaftliche Experimental- Ergebnisse wirklich „Grundlagen“ sind, etwa für unser therapeutisches Fach (Naturheilkunde und Physikalische Medizin), das vermag letztlich nur der Arzt am Krankenbett zu entscheiden.... Alles erstirbt heute in Ehrfurcht, wenn das Wort „Grundlagenforschung“ fällt. Aber ich muß - wenigstens für mich persönlich sagen: Nur das Allerwenigste, was in der Vergangenheit als Ergebnis unserer Grundlagenforschung angeboten worden ist, gibt mir Boden unter die Füße. Wie viele Jahrzehnte fachgebundener Grundlagenforschung haben wir hinter uns, und welche Auskünfte können wir heute geben? Auskünfte darüber, wie es möglich ist, daß unter unseren therapeutischen Maßnahmen der Organismus aus der Störung, der Krankheit zur Ordnung, der Gesundheit zurückfindet... Und eines möchte ich hervorheben: Zuordnung, gerade auch Wirkprinzipien lassen sich nicht experimentell fassen; sie müssen gedanklich konzipiert werden. Oft habe ich den Eindruck - so paradox das klingen mag - wir denken zu wenig. Zumindest denken wir zu eng, ein jeder in seiner Fachspezialität, jeder in seinem mehr oder weniger schmalen Experimental- Sektor. Das mag für klassische Indikationsgebiete und pharmakologische Fragestellungen ausreichen. Bei uns zeigt sich die Problematik aber grundsätzlich anders, viel breiter und vielseitiger.“
Das Wssen, wie die Natur heilt - die Wirkungen der naturheilkundlichen Maßnahmen auf Körper und Psyche - sind in den Lehrstühlen der Universität noch recht lückenhaft. Auf der anderen Seite besitzen wir teilweise Jahrhunderte alte bewährte Erfahrungen auf dem Gebiet der Naturheilkunde, deren Methoden und Wirkungen teilweise sehr gut dokumentiert sind. Seit kurzem ist die Naturheilkunde Lehr- und Prüfungsfach auf der Universität. Es ist jedoch nach wie vor nicht klar, was Naturheilkunde ist. Es wird versucht, die Naturheilkunde methodologisch zu definieren, man spricht von Naturheilverfahren, Naturheilweisen, „echter und (unechter?) Naturheilkunde, Außenseiter- und (Insider?)- Verfahren usw. Es werden Listen gebastelt, was dazugehört, was „IN“ ist und was nicht. Wir erleben, wie Lehrstuhlinhaber und Dozenten versuchen, sich die Naturheilkunde, oder was sie dafür halten, im Schnellverfahren - in Tagen oder Wochen - einzuverleiben. Es fehlt die Selbsterfahrung und die Praxis mit dem Patienten. Wir naturheilkundlichen Ärzte fragen uns jedoch, wie die Naturheilkunde unter diesen Voraussetzungen den Studenten und Ärzten systematisch und erfolgreich vermittelt werden kann. Dies ist meines Erachtens durch ein interdisziplinäres nicht weltanschaulich gebundenes Team zu erreichen. Diagnostik und Therapie müssen ganzheitlich dargestellt und den Möglichkeiten der ärztlichen Praxis und der Patienten entsprechend angeboten werden.
Quelle: May W.:Der Deutsche Apotheker Nr.2, Februar 1992, 44. Jahrgang
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